Gabriela begegnete Yoga erstmals im indischen Ashram. Hier hätten die Körper diverser nicht sein können. Zurück in der Schweiz, fiel ihr immer mehr auf, dass sie mit ihrer Körperform nicht der Norm entsprach. Sie erzählt, wie sich hochgewichtige Menschen in Yogasettings fühlen können.

Musternde Blicke, gut gemeinte Ratschläge und manchmal sogar abschätzige Kommentare hat Gabriela im Yoga-Kontext mehr als einmal ausgehalten. Sie hat sich davon nicht abschrecken lassen, aber die Erfahrungen haben etwas mit ihr gemacht.

Gabriela, heute Klimaverhandlerin auf internationaler Ebene und Mutter eines Sohnes, sagt von sich, dass sie schon als Kind dick war und deswegen auch gemobbt wurde. Das hat sie verletzt, aber glücklicherweise nicht langfristig psychisch geschädigt, fügt sie hinzu. Heute hat sie eine starke Persönlichkeit, kann viele mögliche Kritiken an ihrer Person hinnehmen. Nur abwertende Kommentare zu ihrem Aussehen treffen sie immer noch tief.

Als Jugendliche versuchte sie gar bulimisch zu werden, zum Glück ohne Erfolg.

"Seit ich denken kann, stand ich jeden Tag auf die Waage. Schon als Kind", sagt Gabriela. Heute tut sie das nicht mehr, dank einer Gesprächstherapie bei einer Ernährungspsychologin braucht sie diese Gewichtskontrolle nicht mehr. Als die Psychologin ihr zu Beginn riet, auf das tägliche Wägen zu verzichten, fiel ihr das schwer: "Wie sollte ich mich überwachen? Was wenn ich noch dicker wurde?"

Yoga war anfangs ein sicherer Ort

Während eines Praktikums in Indien besuchte Gabriela mit ihrem Gastgeber, einem indischen Arzt, das Gemeinschaftsyoga im lokalen Ashram um 5.00 Uhr morgens. "Ich gehörte zu den Jüngsten", erzählt Gabriela.

Zurück in der Schweiz eröffnete eine Arbeitskollegin ein Yogastudio in Zürich. Gabriela besuchte dort zwei- bis dreimal die Woche Yogastunden. Im diesem universitären Umfeld waren die Praktizierenden jung und sportlich und entsprachen der Körpernorm, die man sich in der Schweiz gewohnt ist. Trotzdem fühlte sich Gabriela nicht auffällig anders.

Erst als sie erstmals einen Yoga-Retreat besuchte, an dem nur Frauen teilnahmen, fühlte sie sich mit ihrer Körperform ausgestellt und ausgeschlossen. Als sie eine Umkehrstellung nicht ausführen konnte, sagte eine Teilnehmerin zu ihr: "Sorry, aber dafür bist du einfach zu dick."

Die Blicke der anderen in Yogastudios

Mit dem Berufsleben erfolgte auch ein Umzug nach Bern. Gabriela fing an in grössere Yogastudios zu gehen, wo niemand wusste, dass sie schon lange praktizierte. Aufgrund ihrer Körperform wurde sie öfter gefragt, ob die Poweryogaklasse nicht zu anstrengend sei für sie, ob sie sich nicht mehr ausruhen wolle. Es waren gut gemeinte Fragen, aber trotzdem steckte ein Urteil über ihr unsportliches Aussehen dahinter.

"Ich hatte Selbstvertrauen, weil ich schon lange praktizierte", sagt Gabriela. "Aber selbst so und auch noch heute, kostet es mich jedes Mal Überwindung in ein Yogastudio zu gehen. Ich brauche so viel Energie, um die Blicke zu ignorieren, die ich anziehe."

Yogalehrerausbildung und restriktives Essen

Heutzutage macht Gabriela zu Hause und in Eigenregie Yoga. Sie ist nicht mehr auf die Klassen in Yogastudios angewiesen, denn 2019 hat sie eine Yogalehrer:innenausbildung absolviert.

In dieser Zeit praktizierte sie sehr intensiv. Sie nahm auch 30 Kilo ab. Sie war auf ein Buch gestossen, in dem die Autorin anpries, sie habe mit einem bestimmten Ernährungsstil 70 Kilo abgenommen. "Ich dachte, wenn die das kann, kann ich das auch", sagt Gabriela.

Sie ass drei Jahre lang komplett restriktiv. (Auf eine Beschreibung dieses Ernährungsplans wird wegen Nachahmung bewusst verzichtet). "Ich hatte nicht das Gefühl, ich müsse abnehmen», sagt Gabriela heute. "Aber ich wollte mir beweisen, dass ich es konnte."

"Es war normal, dass wir während der Lehrer:innenausbildung in der Frühstückspause nur einen Skyr assen oder abends im Tibits kleinste Mengen auf den Teller packten. Ich gehörte voll dazu!"

Gabriela bekam sehr viel soziale Anerkennung für ihren radikalen Gewichtsverlust. "Du siehst so glücklich aus!" sagten viele zu ihr. Das schockierte sie. Hatten andere Menschen vorher gedacht, sie sei unglücklich gewesen, bloss weil sie mehr Kilos auf die Waage brachte? Mit der Zeit fand sie die positiven Rückmeldungen zu ihrem veränderten Körpergewicht schlimmer als die musternden Blicke von vorher, als sie noch mehr wog.

Die Fettfeindlichkeit ist überall, nicht nur im Yoga

Trotzdem glaubt sie, dass es nicht nur die Yogakultur war, die ihre restriktiven Essgewohnheiten provozierte. "Ich bin ja ständig damit konfrontiert, dass mein Aussehen nicht der Norm entspricht, auch in jedem Bekleidungsgeschäft" sagt Gabriela.

Als Gabriela schwanger wurde, hörte sie mit dem restriktiven Essen auf. Sie wollte dem Baby nicht schaden. Anstatt dies wohlwollend zur Kenntnis zu nehmen, sprach sie ihre Gynäkologin ständig auf ihre Gewichtszunahme an und schickte sie sogar zur Ernährungsberatung.

Nach der Schwangerschaft erlitt sie einen Bandscheibenvorfall. Alle Gesundheitsfachpersonen taten so, als wäre das normal, bei dem Gewicht. In Wahrheit handelte es sich um einen gutartigen Tumor neben der Wirbelsäule, wie man auf Grund der Fokussierung auf ihr Gewicht erst zwei Jahre später herausfand. Der Vorfall hatte nichts mit ihrem Gewicht zu tun, er war vom Tumor provoziert.

Uniformität versus Diversität im Yoga

"Das Schlankheitsideal ist westlich gemacht", sagt Gabriela. "In Indien und Afrika ist meine Körperform positiv konnotiert. Aber bei uns wird Yoga vermehrt mit Fitness, schlanken Frauen und geilen Ärschen in Verbindung gebracht."

Gabriela sieht keinen Grund, wieso Yoga nur für schlanke Menschen sein soll. "Alle Menschen haben unterschiedliche Voraussetzungen", sagt sie. "Die Praxis lässt sich flexibel daran anpassen. Nirgendwo steht geschrieben, dass ein Ausfallschritt immer gleich aussehen muss."

So wären unterschiedliche Varianten oder Alternativen normalisiert und nicht die Ausnahme, die einem Versagen gleichkommt.

"Es gibt auch kaum Vorbilder", sagt Gabriela. "Hochgewichtige Yogalehrpersonen muss man mit der Lupe suchen. Solche, die das zum Thema machen noch viel mehr, zumindest in der Schweiz."

Gabriela wünscht sich mehr als nur einen Diskurs über Fettfeindlichkeit im Yoga. Das ganze Narrativ sollte sich ändern, damit sich auch ältere, weniger bewegliche Menschen und Menschen mit Beeinträchtigung in eine Yogastunde trauen.

Heute mag sich Gabriela so, wie sie ist. Und freut sich, dass sie Yoga zu Hause für sich praktizieren kann und nicht auf den Besuch im Studio angewiesen ist. Die Gründe, wieso sie im Moment für sich allein Yoga macht, sind vielschichtig. «Ein Studiobesuch ist jedoch noch immer eine starke Konfrontation mit mir selbst, meiner eigenen internalisierten Fettfeindlichkeit, aber auch mit den Blicken und Vorurteilen, denen ich begegnen muss. Dafür fehlt mir manchmal die Energie», sagt sie.